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Kita-Netzwerke in Bahrenfeld/Lurup und Rissen/Sülldorf

Interview mit Adel Chabrak (Bildungskoordinator, Bezirksamt Altona, Fachamt Sozialraummanagement) und Stefan Clotz (Prozessbegleiter, Netzwerk Bahrenfeld/Lurup)

 

Was sind die Ziele unseres Bündnisses?

 

Stefan Klotz

Das Bündnis hat zum Ziel, bessere Chancen für Geflüchtete im Bereich der Kindertagesbetreuung zu bieten.

 

Adel Chabrak

Unser Hauptziel ist die bestmögliche Integration geflüchteter Kinder in der Kindertagesbetreuung.

Zum Hintergrund: Um den vielen geflüchteten Menschen möglichst schnell Wohnraum zu beschaffen wurden in Hamburg für bestimmte Gebiete Großwohnsiedlungen für bis zu 4000 geflüchtete Menschen geplant. Eine solche Ballung von Neuzugewanderten kann für den Sozialraum auch zu einer Belastung führen. Dies vor allem auch für den frühkindlichen Bereich, der ja eine große Rolle dabei spielt, dass neu Ankommende das Bildungssystem für sich annehmen.

Wir sind auf die Kitas in den Gebieten zugegangen, um gemeinsam eine Strategie zu entwickeln, wie eine gute Integration der geflüchteten Kinder unter den genannten Gegebenheiten gelingen kann. Die Kitas haben von sich aus eine hohe Bereitschaft signalisiert auf unsere Idee, ein Kita-Netzwerk zu gründen, einzugehen. Das heißt, sich untereinander abzustimmen, unter der Leitfrage, wie kann die Integration von geflüchteten Kindern in der Tagesbetreuung gut vorbereitet und auch im Alltag gut gestaltet werden? Ein weiteres Ziel ist, das Angebot der frühkindlichen Bildung an die Eltern zu transportieren und diese für eine frühkindliche Betreuung zu gewinnen.

Da sind wir sehr schnell auf einen Nenner gekommen immer mit dem Hintergedanken, dass eine Großwohnsiedlung mit bis zu 3000-4000 Geflüchteten kommen soll. Bürgerinitiativen haben dann aber Bürgerverträge mit der Stadt geschlossen, die alles deutlich eingeschränkt haben. In Rissen wird nun doch keine Großwohnsiedlung mehr entstehen. Es kommen zu den knapp 700 Geflüchteten aus dem angrenzenden Sülldorf nun noch maximal 300 Geflüchtete nach Rissen hinzu. Wir haben es dann offen zur Diskussion gestellt, ob wir mit dem Netzwerk weitermachen. Aber alle haben gesagt: „Wir finden es toll, dass wir uns miteinander vernetzen und in den gegenseitigen Austausch kommen.“

Was macht unser Bündnis?

Stefan Clotz

Es finden regelmäßige Treffen statt, oft auch direkt in Flüchtlingsunterkünften. Die Partner haben eine Vision, dazu Ziele formuliert und gehen aktiv konkrete Maßnahmen an.

Zum Beispiel: Wie können bessere Übergänge zwischen der Kita und der Schule gestaltet werden? Dafür werden schulische Partner mit ins Boot geholt und Elternnetzwerke gegründet. Weiterhin geben sich die Kitas gegenseitig Tipps. Es findet ein Austausch über Best-Practice Beispiele statt, beispielsweise zeigt eine Kita, wie sie durch Bildsprache Kinder und Eltern besser erreicht. Das Netzwerk geht gemeinsam zu Fortbildungen, deren Inhalte sie sich selbst zusammengestellt haben. Es werden Forderungen an die Politik gestellt. Zum Beispiel ist aufgefallen, dass Kinder mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus nicht ausreichend gesundheitliche Betreuung erfahren. Man hat sich dann zusammengesetzt und einen Appell an die Behörde geschickt. Mit dem Absender „Netzwerk“ war die Wirkung stärker, als wenn eine Kita das alleine gemacht hätte. Zu den weiteren Zielen gehören u.a. ein Dolmetscher-Netzwerk und eine Kitaplatz Börse. Wir sind dabei ein online Verfahren zu entwickeln, eine Art Suchplattform, auf welcher die Flüchtlingsunterkünfte einsehen können, wo gerade ein Platz frei ist und auch angeben können, für welches Alter gerade einen Kita Platz gebraucht wird.

Adel Chabrak

Ein Baustein, den wir in Rissen jetzt angehen, ist, dass die Eltern weite Wege auf sich nehmen müssen, wenn Sie beispielsweise ein schulpflichtiges und ein Kita-Kind haben, sowie einen Sprachkurs besuchen wollen. Zum Teil müssen Sie vom äußersten Westen in die nächstgelegene Schule fahren, um dann in den Innenstadtbereich zu fahren. Sie sind nur unterwegs und haben gar keine Zeit mehr, Behördengänge und Ähnliches zu erledigen. Außerdem sind diesen langen Wege eine große Belastung für die gesamte Familie. Wir wollen jetzt Sprachkurse Kita-nah anbieten. Was braucht es dafür? Außerdem werden wir für die geflüchteten Familien ein Kinder- und Familienzentrum (KiFaZ) eröffnen.

 

Warum ist das hilfreich/gut?

Stefan Clotz

Das Beste ist, dass die Kitas, die sich bisher als Konkurrenten empfunden haben, sich plötzlich als Partner erleben. Von den Erfahrungen der Partner zu profitieren ist sehr viel besser, als jede Erfahrung selbst machen zu müssen. Die Ängste sind komplett weg. Alle fühlen, dass sie nur gewinnen können.

Am Schönsten finde ich eigentlich, dass geflüchtete Mütter zu Gast waren, die erzählen konnten, welche Probleme sie haben. Wir lagen teilweise völlig daneben, was die Einschätzung der Bedarfe anging. So war die Wohnung teilweise viel relevanter als Sprachbarrieren. Auch kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle: Startzeiten mit Morgenkreis und dass man pünktlich da sein muss, weil man sonst nicht mehr reinkommt. Aber auch wie damit umgegangen wird, wenn ein Kind sich verletzt. Wird es auf den Schoß genommen oder nicht? Wann wird man informiert? Wie stark sind Eltern eingebunden durch Elternabende? Was kann helfen, auch bestimmte Barrieren zu den Eltern der deutschen Kita-Kinder aufzubrechen?

Es ist wichtig, dass wir in den Flüchtlingsunterkünften tagen. Wir sitzen in den Containern und bekommen dadurch einen kleinen Einblick wie es ist, dort zu leben, was gebraucht wird.

Sehr schön ist - zu meiner Überraschung - eine sehr kontinuierliche und rege Teilnahme. Das zeigt, dass die Teilnehmer einen Wert darin erkennen und sich auch zwischen den Netzwerktreffen austauschen. Das war mein größtes Ziel, dass sie nicht darauf warten, bis sie wieder bedient werden, bei einem Netzwerktreffen. Sie haben sich zwischen den Netzwerk-Treffen auch schon besucht und hospitieren gegenseitig. Einmal haben sogar zwei Kitas eine Infoveranstaltung zusammen gemacht. Dass waren die, die in der ersten Sitzung noch gesagt haben wir können hier nicht zusammenarbeiten, weil wir ja Konkurrenten sind. Absolut preisverdächtig.

 

Wer macht mit?

Adel Chabrak

Es sind die Vertreter von fördern&wohnen, also den Flüchtlingsunterkünften dabei. Dann haben wir das Stadtteilmanagement, einen Sportverein. Wir haben die Grundschulen, Mitarbeiterinnen aus der Tagespflegebörse, Kirchenverbände und geflüchtete Frauen. Das ist eine tolle, sehr heterogene Gruppe, die alle ihre Expertisen einbringen können.

Stefan Clotz

Alle Kitas aus der Region, die Sozialpädagogen, sowie die Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte, der Quartiersmanager, die Behörde, zumeist vertreten durch den Bezirk und eben auch Geflüchtete, die auch einmal ihre Kinder mitgebracht haben. Wir hatten also auch schon Kita Kinder dabei!

 

Was macht unser Bündnis erfolgreich?

Stefan Clotz

Also, dass es von sich selbst lebt und nicht permanent von außen Moderation braucht. Ich habe deshalb große Zuversicht, dass es auch weiterlebt, weil alle den Sinn darin erkannt haben und in einem permanenten Austausch gehen, dabei immer häufiger den kurzen Weg gehen und sich anrufen, bevor die Probleme hoch kochen. Es gibt ganz wenig theoretischen Input. Wenn eine Kitaleiterin was vorstellt, dann hat das Hand und Fuß, weil alles ausprobiert ist und jeder kann es sofort anwenden.

Adel Chabrak

Es ist hilfreich für den Stadtteil, dass wir uns frühzeitig Gedanken gemacht haben wie die Integration bestmöglich gelingen kann. Rissen hat einen eher dörflichen Charakter, der Migrationsanteil ist noch nicht so hoch, es gibt die wohlhabenden Elbvororte in der Nähe. Man ist nicht gewappnet gewesen, so miteinander auszukommen, wie es wünschenswert ist. Und da war es wichtig, beide Seiten darauf vorzubereiten. Das Netzwerk ist schon lange gestartet, bevor dort überhaupt die ersten Wohnungen für die Geflüchteten gebaut worden sind. Damit Integration gelingen kann, müssen wir in den Austausch treten und uns gemeinsam mit allen vorbereiten.